Marrakesch

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Wenn ich früher an Marokko gedacht habe, hatte ich immer die quirligen Märkte von Marrakesch vor Augen, die in all ihren Farben erstrahlen. Jetzt da ich die Stadt mit meinen eigenen Augen gesehen habe weiß ich, dass Marokko ohne Marrakesch wie ein langweiliger Schwarzweiß-Film wäre, dem die Handlung fehlt.

Unser Reise-Movie begann als klischeebehaftete Improvisations-Komödie. Gemütlich von der Autobahn kommend sind wir direkt in eine Polizei Kontrolle gekommen. Soweit nichts Neues. Diesmal wurden wir aber erstmal konsequent auf arabisch angesprochen, danach konsequent auf französisch. Als klar war, dass wir keiner der Sprachen so richtig mächtig sind ging es auf englisch weiter. Erstmal Fahrzeugpapiere. Soweit so gut.

 „You were driving 8 km/h too fast, you have to pay 300 Dirham.“ (300 Dirham = 30 Euro)

Ab da war klar was Sache ist. Durch einen marrokanischen Freund wussten wir, wie hoch ungefähr die Strafen für zu schnelles Fahren in Marokko sind und dass das keinesfalls verhältnismäßig war. Mal ganz davon abgesehen, das es dort überhaupt  keine Geschwindigkeitskontrolle gab. Aber spielen wir das Spielchen doch mal mit.

„I don´t have that much money with me. I´m sorry“

“Ok, then give me 200 Dirham”

„I don´t have that much money with me. The cashmachine was not working“

“Ok, 100 Dirham is also ok!”

Ich holte mein Handy raus um Othmane, einen Freund den ich in Marokko kennengelernt habe, anzurufen. Sofort wurde ich gefragt was los ist und was ich mit meinem Handy will.

„I´m just calling a maroccan friend. He can help me out”

Sofort kam Polizist Nr.2 und ein kurzer nervöser Wortwechsel auf Arabisch folgte.

„No problem. You don´t need to call him. For you it´s for free.”

Ein maakein muschkiel* (arabisch für kein Problem) später saßen wir wieder im Bus und kugelten uns vor Lachen. Es ist uns beiden sichtlich schwer gefallen ernst zu bleiben in der Situation, die so klischeehaft und offensichtlich war.

In Marokko liegt die Beweispflicht bei der Polizei, dh. man kann darauf bestehen das Bild des Blitzers oder eine Radaraufnahme zu sichten. Leider muss man in Marokko immer noch mit korrupten Polizisten rechnen. Aber für solche Fälle gibt es eine speziell eingerichtete Nummer für Touristen von der Tourismus-Polizei. Gerade für solche Situationen empfiehlt es sich, die Nummer im Handy eingespeichert zu haben. (Nummer der Touristen Polizei: +212 693-276207)

Mit dieser kleinen Geschichte im Gepäck sind wir dann auch auf unserem Parkplatz angekommen und direkt weiter in die Stadt spaziert.

 

Der Platz der Gehängten (Djemaa el-Fna)

Unser Weg führte uns als erstes an den Platz der Gehängten. Der Platz hat seinen Namen dadurch erhalten, dass dort früher die Köpfe der Gehängten aufgespießt wurden. Heutzutage gehört der Platz aber den Lebenden. Und so tummeln sich dort neben den ganzen Touristen, Männer in Turbanen die auf einer Flöte Schlangen beschwören, Wahrsager, allerlei Verkäufer, Pferdekutschen und viele Marktstände.

Abends strahlt der Platz in den Lichtern von tausendundeiner Lampe. Der rhythmische Klang von Trommeln und mir unbekannten orientalischen Instrumenten bringt das Herz zum mitschwingen. Ich fühle mich ganz leicht. Mit tanzenden Schritten lasse ich mich durch das nächtliche Getümmel treiben. Mit meiner Djellaba bewege ich mich zwischen den anderen, typisch marokkanischen Zipfelmützen als ob ich in diese, eigentlich fremde Welt gehöre.

 

Souks

Vom Platz der Gehängten führt der Weg direkt in die großen Souks der Stadt. Die Gassen teilen sich auf in die verschiedenen Gewerbezweige der Stadt. Wohin das Auge blickt, strahlen einem die bunten Farben der Stadt entgegen. Bunte Gewürze, zu spitzen Türmchen aufgeschichtet findet man auf dem Gewürzmarkt. Der Duft orientalischer Gewürze mischt sich hier mit den ebenfalls farbenfrohen, getrockneten Kräutern, die ebenfalls zu Türmchen aufgeschichtet sind.

In der nächsten Gasse schlägt mir der herbe Geruch von frischem Leder entgegen. Hier sind die kleinen Marktstände abwechselnd von oben bis unten mit Schuhen oder handgefertigten Ledertaschen bestückt. Wie kleine bunte Schmetterlinge leuchten die bunten Perlen und Verzierungen auf den Lederwaren. Bei einem Blick hinter einem Vorhang aus Schuhen sehe ich einen Schuster, der mit geschickten Händen ein Paar landestypische Schuhe schustert.

Jede dieser Gassen hat ihren eigenen Geruch. Einmal abgebogen steigt mir der Geruch meiner Kindheit in die Nase. Ich bleibe stehen und atme einmal tief den mir vertrauten Geruch ein. Es riecht nach der Schreinerwerkstatt meines Vaters. Ich rieche das frische Holz und das Harz des Waldes. An einer altertümlichen Drechselmaschine wird ein Stuhlbein gedreht. Geschnitzte, orientalische Hölzer hängen an den Seitenwänden der Werkstatt. Ein Händler verkauft Schmuckkästchen mit kunstvollen Intarsien. Ich bin mir sicher, dass auch das Herz meines Vaters hier höher schlagen würde.

 

Saadier Gräber

Beim Schlendern durch die Stadt stehen wir auf einmal vor einer großen Moschee. Davor stehen zahlreiche Händler, die ihre Waren lautstark anpreisen. Ich lehne dankend ab und ernte dafür ein „no money honey?“. Schmunzelnd laufe ich weiter. Auf einem Schornstein thront ein großes Storchennest. Erhaben blickt ein Storch auf das hektische Treiben und dreht sich nach einer Zeit gelangweilt ab.

Vor einem unscheinbaren Eingang steht ein Wasserverkäufer in seiner bunten traditionellen Tracht. Wenn ich ein was in Marokko gelernt habe, dann je unscheinbarer ein Haus oder ein Eingang, desto prachtvoller das was dahinter liegt. Magisch wurde ich von dieser engen Gasse angezogen.

Dahinter versteckten sich die Saadier Gräber. Kaum schaute ich um die Ecke, leuchteten mir schon die farbenfrohen Muster aus 1001 Nacht entgegen. Zwischen den einzelnen Gräbern laufen Schildkröten und auf den prächtig blühenden Sträuchern und Bäumen singen Vögel. Unter einem Strauch im Schatten steht eine alte Gärtnerin. Sie reckt ihr faltiges Gesicht lächelnd der Sonne entgegen. Mit ihren geschlossenen Augen scheint es, als ob sie mit all ihren Sinnen das Geschehen um sich herum in sich aufsaugt. Nach einer Weile öffnet sie wieder ihre Augen um gleichsam wie die Schildkröten auf der Wiese wieder ihrer Beschäftigung nachzugehen. Ich habe noch nie einen Friedhof gesehen, der gleichzeitig lebendig wirkt und trotzdem so viel Ruhe ausstrahlt.

  

 

Bahia Palast

Hinter einer unscheinbaren Mauer verborgen liegt der Palast. Passiert man den Eingang erwartet einen ein Garten mit einem Meer aus Rosmarin und anderen duftenden Kräutern. Auf der Mauer sitzt ein Käuzchen, dass mit seinen großen gelben Augen misstrauisch unsere Schritte beobachtet. Unter den Schatten spendenden Zitronenbäumen schlafen Katzen. Man denkt nicht, dass man gerade mitten in einer Großstadt ist. Einmal über die Schwelle des Palastes getreten, schlägt einen die erfrischende Kühle des alten Gemäuers entgegen.

 

   

Ein Innenhof, eine blühende Oase mit plätscherndem Brunnen lädt zum Verweilen ein. Wir genießen die Kühle und den Moment. Der Gang, der auf den Innenhof folgt führt uns in einen prächtigen Palast mit farbenfrohen Mustern und kunstvollen Holzarbeiten. Darauf folgt wieder ein Innenhof, noch prächtiger als der Vorherige. Bunte Fenster lassen farbige Punkte in den Räumen tanzen. Kunstvolle marokkanische Lampen hängen in den einzelnen Zimmern. Jede in einer anderen Form und Farbe. Ich bin fasziniert von den bunten Mosaiken, die alle Wände zieren. Wenn sie mir doch bloß all die Geschichte erzählen könnten, die sie in all den Jahrhunderten erlebt haben.

 

 
 
 

Infos

  • Die Eintrittspreise für den Palast und die Saadier Gräber sind jeweils 10 DH (=1 Euro). Nach Wunsch stehen am Eingang auch Führer, die ihre Dienste anbieten.
  • In den Souks von Marrakesch muss noch mehr gehandelt werden als in den anderen Teilen des Landes. Der Startpreis nimmt hier astronomische Höhen an. Man sollte sich daher vorher überlegen wie viel einem etwas Wert ist und sich langsam hoch handeln lassen. 30 % des Startpreises sind dabei in der Regel ein realistischer Preis.
  • Zum Parken kann ich den Parkplatz der Koutoubia Moschee empfehlen. Hier kann man auch problemlos über Nacht parken. Allerdings muss man damit rechnen morgens um 6 Uhr vom Muezzin geweckt zu werden. Preis für die Übernachtung 80 DH (8 Euro).

 

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